Michelle van Hoop: Namibische Nächte

Vor Jahren waren Vanessa und Kian ein Liebespaar – in Deutschland. Doch Kian kehrt nach einem furchtbaren Streit mit Vanessa in sein Heimatland Namibia zurück, ohne eine Spur zu hinterlassen. Obwohl Vanessa lange unter der Trennung leidet, baut sie sich erfolgreich ein Grafikdesignstudio auf. Sie hat auch hin und wieder Beziehungen, doch immer noch gehört ihre Liebe allein Kian – dem großen, blonden, braungebrannten Mann aus Namibia. Längst hat sie die Hoffnung aufgegeben, ihn je wiederzusehen.
Doch dann entschließt sie sich spontan, nach Namibia zu reisen. Wo sie Kian tatsächlich wiedertrifft, allerdings als verheirateten Mann mit Frau und Kindern.
Vanessa versucht gegen ihre Gefühle die Tatsachen zu akzeptieren, wie sie sind, doch namibische Nächte unter dem klaren, sternenübersäten Himmel Afrikas haben ihre ganz eigene Magie . . .

»Namibische Nächte« ist erhältlich als Buch und eBook bei

Besuchen Sie die Webseite der Autorin: www.michellevanhoop.com

Leseprobe

Es war trocken in diesem Jahr. Der große Mann mit den blauen Augen schaute in den wolkenlosen Himmel hinauf. Er stand auf einer Anhöhe mitten im Busch und verschmolz durch seine khakifarbene Kleidung gänzlich mit der Landschaft. Das Gras war gelb jetzt in der Trockenzeit, dem Winter hier im südlichen Afrika. Eine Zeit, in der es nie regnete und die Nächte einen kalt erzittern ließen.

Tagsüber schien jedoch die Sonne, und die braungebrannte Haut des Mannes zeugte davon, dass er viel draußen war. Sein strohblondes Haar wirkte ausgebleicht, wenn er den breitkrempigen Hut abnahm, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Denn jetzt, zur Mittagszeit, war es heiß, nachts allerdings fielen die Temperaturen manchmal sogar bis unter den Nullpunkt. Das war Namibia, das Land der Kontraste, groß und weit, ein Traum von Unendlichkeit.

Im Norden gab es Flüsse, Wasser genug, um die Felder und Weiden grün zu halten, im Süden regierte die Wüste. Die Namib im Westen, die sich bis an die lange Atlantikküste zog, und im Osten die Kalahari, sich weit über Namibias Grenzen hinaus nach Südafrika und Botswana erstreckend. Hier war das beherrschende Thema der Kampf ums Überleben ohne Wasser.

Der Mann ließ seinen Blick über die Trockensavanne schweifen, die nur spärlich mit dürren Sträuchern besetzt war. Es gab außer der kleinen Anhöhe, auf der er stand, keine weiteren Erhebungen, so weit das Auge reichte.

Er zog die Augenbrauen zusammen. Hinter einem der Sträucher hatte er eine Bewegung wahrgenommen. Ein Tier vielleicht? Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und sein Blick senkte sich starr auf den Punkt. Der Strauch war zu weit entfernt, um etwas zu erkennen, und in der Mittagshitze blieben die Tiere im Schatten, erst in der Abenddämmerung kamen sie heraus, aber er war daran gewöhnt, die kleinsten Anzeichen zu deuten. Ein langes, spitzes Horn, das kurz neben dem Schatten hervorlugte, sagte ihm, dass dort ein Oryx ruhte.

Selbst unter widrigsten Bedingungen ohne Wasser in der Wüste konnten Oryxe überleben. Deshalb war die Oryxantilope das Wappentier Namibias, aber sie war nicht selten. Durch ihre auffällige Fellzeichnung unterschied sie sich jedoch von den anderen Antilopenarten, die hier ebenfalls heimisch waren.

Der Mann versuchte, das schöne graue Tier mit der schwarzweißen Gesichtsmaske genauer auszumachen, aber die harte afrikanische Schattenbildung ließ das nicht zu. Wo Schatten war, war Nacht. Er verlagerte das Gewicht seines Gewehrs, das locker an einem Riemen von seiner Schulter hing. Heute brauchten sie kein Fleisch. Die Antilope konnte weiter in der Mittagshitze dösen.

Er drehte sich um und ging zu dem alten Landrover zurück, der am Fuß der Anhöhe stand. Auch dessen sandfarbene Konturen waren im flirrenden Licht kaum zu erkennen. Nicht einmal das Gummi der Reifen, von Wüstenstaub bedeckt, stach farblich hervor. Fahrzeug und Fahrer waren perfekt an die Wüste angepasst.

Das laute Dröhnen des Motors, als der Mann den Wagen anließ, unterbrach brutal die umgebende Stille. Aber kein Vogel flog auf, kein Tier huschte davon. Es gab keine Vögel hier, und alle anderen Tiere warteten irgendwo versteckt darauf, dass die Hitze nachlassen würde, dass der Abend kam, um es ihnen zu erlauben, Nahrung und Wasser zu suchen. Selbst die Tok-Tokkie-Käfer ließen sich jetzt nicht blicken. Sie hatten sich tief in den Wüstenboden eingegraben, um der Mittagshitze zu entgehen.

Der Landrover durchpflügte den Sand, bis er festeren Untergrund erreicht hatte und der Fahrer die Geschwindigkeit erhöhte, eine dichte Staubwolke hinter sich lassend, die den Weg wie Nebel verschleierte.

Nach einer Weile senkte sich der Nebel wieder, und jeder Hinweis auf eine menschliche Anwesenheit war verschwunden.

Die Wüste ruhte in sich selbst, sie brauchte die Menschen nicht.

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